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Kalender-Edition
Die Bedeutung der Schreibkalender des 17. Jahrhunderts
letzte Aktualisierung: 22. 6. 2010
Die jährlich neu verfaßten Kalender besaßen als Massenmedium in der Frühen Neuzeit eine herausragende Bedeutung für das Alltagsleben der Menschen. Neben der Bibel und dem Betbuch war der Jahreskalender die am weitesten verbreitete, weil in fast jedem Haushalt gebrauchte Druckschrift.
Aus heutiger Sicht sind die Schreibkalender der Größe ca. 16 cm x 20 cm besonders wertvoll. Sie besitzen im zweiten Teil (dem Prognostikum) und im Verlauf des 17. Jahrhunderts auch in den ersten Teil (das Kalendarium) hineingebrachte interessante Textbeiträge sowie oftmals zahlreiche handschriftliche Eintragungen in der Schreibspalte oder auf zusätzlich eingebundenen unbedruckten Blättern. Diese Inhalte, gedruckte wie handschriftliche, bieten für die historische Forschung Möglichkeiten, die bislang vor allem bei den Kalendern des 17. Jahrhunderts nicht ausgereizt worden sind.
Bis Ende September 2008 wurden durch den Herausgeber rund 5500 solcher Schreibkalender im Quartformat nach Autopsie in ein Verzeichnis gebracht, dem weitere rund 800 Kalender infolge anderer Recherchemöglichkeiten hinzugefügt wurden. Diese Anzahl von mehr als 6000 Schreibkalendern, die aus der Zeit von 1600 bis 1700 überliefert sind, kann in etwa 550 verschiedene Kalenderreihen geordnet werden, bei denen rund 430 Verfassernamen auf den Titelblättern erscheinen. Als Kalendermacher mit den meisten Reihen wurden folgende Personen des 17. Jahrhunderts identifiziert: Gottfried Kirch (bis zu 17 Reihen), Johann He[i]nrich Voigt (13), Johannes Vulpius (8), Paul Conrad Balthasar Han (8), Abraham Seidel (7), David Herlicius (6), Michael Krügener (6), Johann Grosse (6), Gottfried Gütner (6), Paul Nagel (5), Marcus Freund (5), Johann Christoph Sturm (5) und Johann Ulrich Oeler (5). Neben diesen sehr erfolgreichen Kalenderautoren behaupteten sich andere Verfasser mit meistenteils einer Reihe, gelegentlich auch mit zwei, drei oder vier.
Die rund 6300 großen Schreibkalender des 17. Jahrhunderts, die bislang als überliefert ermittelt werden konnten, werden im "Verzeichnis der Schreibkalender des 17. Jahrhunderts" benannt. Siehe: Acta Calendariographica - Forschungsberichte, Bd. 1, ISBN 978-3-941563-13-1. Inzwischen wurden weitere Kalenderbestände ermittelt. Eine erste Sichtung der in Augenschein genommenen über 6000 Schreibkalender legt eine Erschließung auch für solche Forschungsbereiche nahe, in denen die Kalender bisher nicht als Material mit Quellenwert betrachtet wurden. Potential für die Erforschung des 17. Jahrhunderts mit gezielt fachübergreifendem Blick wird zu folgenden Gesichtspunkten gesehen:
Aufklärung: Frühaufklärung;
Biographik: Verfasser (Auflösung vieler Pseudonyme ist möglich; bislang wurden 3 Nachlässe von Kalendermachern gefunden: Gottfried Kirch, Johann He[i]nrich Voigt, Elias Ehinger), Verleger, Drucker, Förderer, Leser;
Handschriftliche Eintragungen: von Adligen und ihren Gemahlinnen, Pfarrern, Superintendenten, Bürgermeistern, Ortschronisten, Kaufleuten, Kanzleischreibern, Bauern, Studenten usw.;
Kunstgeschichte: Holzschnitte und Kupferstiche als Titelblätter und Textillustrationen;
Literaturgeschichte: Dedikationen, Geleitgedichte, Dialoge, Lesepublikum, Grimmelshausen-Forschung, von Birken-Forschung;
Mediengeschichte: Bekanntmachungen (Markttage, Boten und Posten, Gerichte, Predigten, fürstliche Verordnungen), Nachrichtenwesen, gelehrte Kommunikation, Zeitschriften;
Politische Geschichte: Zensur, Privilegien, Herrschaftssicherung, Kalenderreform von 1700 und ihre Vorgeschichte (seit ca. 1650);
Theologiegeschichte: Physikotheologie, Chiliasmus, Pietismus, Atheismus, Frömmigkeitsbewegung;
Wissenschaftsgeschichte: Astronomie, Medizin, Meteorologie, okkulte Wissenschaften, Pharmazie, Physik.
Zu jedem dieser Punkte lassen sich zahlreiche Beispiele in den Kalendern finden. Eine kleine Auswahl davon wurde von mir bereits an anderen Stellen vorgelegt, siehe:
Klaus-Dieter Herbst: Der Societätsgedanke bei Gottfried Kirch (1639-1710), untersucht unter Einbeziehung seiner Korrespondenz und Kalender, in: Beiträge zur Astronomiegeschichte, Frankfurt/M. 2002, Bd. 5, S. 115-151.
Ders.: Die Kalender von Gottfried Kirch, in: Beiträge zur Astronomiegeschichte, Frankfurt/M. 2004, Bd. 7, S. 115-159.
Ders.: Der Kalenderschatz im Stadtarchiv Altenburg, in: Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte, Stuttgart, Bd. 9 (2007), S. 211-239.
Ders.: Das Neueste im Jahresrhythmus. Zur Professionalisierung des Kalenderwesens im 17. Jahrhundert, in: Astrid Blome und Holger Böning (Hrsg.): Presse und Geschichte. Leistungen und Perspektiven der historischen Presseforschung, Bremen 2008, S. 97-124.
Ders.: Die Jahreskalender - Ein Medium für gelehrte Kommunikation, in: Klaus-Dieter Herbst und Stefan Kratochwil (Hrsg.): Kommunikation in der Frühen Neuzeit, Frankfurt/M. u. a. 2009, S. 189-224.
Ders.: Verzeichnis der Schreibkalender des 17. Jahrhunderts, Jena 2008 (= Acta Calendariographica - Forschungsberichte, Bd. 1), bes. S. 28-43 und S. 203-234.
Ders.: Die Kalender des Verlages Felsecker - Eine Bestandsaufnahme der Jahrgänge 1661 bis 1675, in: Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicianische Jahreskalender. Europäischer Wundergeschichten Calender 1670 bis 1672 (Nürnberg), Schreib-Kalender 1675 (Molsheim). Faksimiledruck der vier Kalenderjahrgänge erstmals neu herausgegeben und kommentiert von Klaus Matthäus und Klaus-Dieter Herbst, Erlangen und Jena 2009, S. 279-354.
Ders.: Galilei's astronomical discoveries using the telescope and their evaluation found in a writing-calendar from 1611. In: Astron. Nachr. / AN 330, No 6, S. 536-539 (2009) / DOI 10.1002/asna.200911212.
Ders.: Die Bedeutung des Mecklenburgischen Schreib-Calenders für 1685 im Kontext der Forschung zur Frühaufklärung in Deutschland, in: Acta Calendariographica - Kalenderreihen, Bd. 3.1, S. 11-26.
Ders.: Die Schreibkalender der Frühen Neuzeit - eine noch wenig genutzte Quelle für die Astronomiegeschichtsschreibung, in: Jürgen Hamel (Hrsg.): 400 Jahre Kepler, Galilei, das Fernrohr und die neue Astronomie, Berlin 2010 (= Sitzungsberichte der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin, Bd. 103, Jg. 2009), S. 31-48.
Ders.: Der Kalendermacher Johann Christoph Sturm im Kontext der Forschung zur Frühaufklärung in Deutschland, in: Acta Calendariographica - Kalenderreihen, Bd. 2.1, S. 11-18.
Ders.: Die Schreibkalender im Kontext der Frühaufklärung, Jena 2010 (= Acta Calendariographica - Forschungsberichte, Bd. 2).
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